Präsentation von Werken auf dem Messestand des Frankfurter UMSCHAU-Verlages

 

 

Lissy Theissen

 

Medica 1990: Ansprache zur Vernissage am 21.  11. 1990

 

"Eure Herzen kennen im Stillen die Geheimnisse der Tage und Nächte. Aber eure Ohren dürsten nach den Klängen des Wissens in euren Herzen. Ihr wollt in Worten wissen, was ihr in Gedanken immer gewußt habt. Ihr wollt mit euren Händen den nackten Körper eurer Träume berühren. Und das ist gut so.

Die verborgene Quelle eurer Seele muß unbedingt emporsteigen und murmelnd zum Meer fließen, ...."

"Denn das Ich ist ein Meer, grenzenlos und unermeßlich .... Die Seele entfaltet sich wie eine Lotusblume mit zahllosen Blättern."

 

 

Meine Damen und Herren,

mit diesen Worten des arabischen Philosophen Khalil Gibran begrüße ich Sie herzlich. Ich zitiere ihn, weil er thematisch und in einer zauberhaften Sprache genau das widerspiegelt, was mich zur Kunst drängt. Mein Postulat heißt:

Der Seele in uns Raum gewähren.

Das ist es, was mich zum Pinsel greifen läßt und mich mit großer Dynamik erfaßt. Ich muß malen. Aber was? Da gibt es keine Umwege. Ich kann nur das malen, was sich als dominanter Prozeß auf meine Seele gedrängt hat. Und so entstehen seelische Erlebnislandschaften, die spontan und intuitiv in Farben und Formen transferiert werden. Bei diesem spirituellen Akt hat die Ratio zu schweigen, unser logisch-konvergentes Denken, und muß dem bildhaften, symbolträchtigen archaischen Wissen, das wir alle in uns tragen, weichen.

Das, was jeder Mensch an letzten großen, existenziellen Dingen im Laufe seines Lebens erfährt, das möchte ich malen. Eine persönliche Frage: Welche Stunden würden Sie zu den wesentlichsten Ihres bisherigen Lebens zählen? Sind es Stunden, wo Sie so etwas wie wahre Liebe und Freund­ schaft, tiefen Schmerz oder Faszination vor dem großen Sein in sich gespürt haben?

Das, was uns Menschen im tiefsten bewegt, was wir oft so schwer mit Worten fassen können oder wollen, das möchte ich malen. Dazu gehört auch das Staunen vor den Gesetzmäßigkeiten, durch die die  Natur und der gesamte Kosmos funktionieren. Bei allem Respekt vor der Wissenschaft, aber wir spüren doch nur ewige Gesetze auf, sind Lernende und Nachahmer im engbegrenzten Raum, den Menschen gesteckt haben. Ewige Gesetze und die Frage nach dem, der hinter ihnen steht, nehmen mich gefangen. Letzte Fragen wie: Woher komme ich? Welchen Sinn hat mein Leben? Wo gehe ich hin, wenn meinem Dasein hier der Atem genommen wird? Wer läßt mich atmen? Die genannten philosophischen Fragen und die Darstellung von Lebensfreude in vielfältiger Form sind das Transitorische meiner Malerei.

Fließende Prozesse, aus denen unser Dasein besteht, verlangen auch auf der materiellen Ebene eine ihnen gemäße visuelle Erscheinungsform. Welcher Stoff böte sich eher an als Seide? Malen auf Seide in Farben und Formen, die der angerührten Seele entspringen, dem grenzenlosen Meer in uns, wie Khalil Gibran es nennt, ja, das ist es, wozu ich immer wieder große Lust verspüre. Aber es ist nicht das einzige Material, mit dem ich künstlerisch gestalte.

Gerade hier auf der MEDICA wird deutlich, "der Mensch ist mehr als Materie, viel mehr als eine zufällige Struktur von Atomen und Zellen. Er ist in der Wurzel seines ganzen Wesens Geist." (Phil Bosmans) Wie aber soll ein Künstler diese geistigen Prozesse darstellen? Er muß in sich hineinhorchen und dann bereit sein, sich auf das Abenteuer dessen einzulassen, was ihn ganzheitlich erfaßt. Was dabei entsteht, sind Abbilder prozeßhafter seelischer Wirklichkeiten, wie Sie sie hier vor sich sehen. Für mich ist diese Nahtstelle zwischen dem, was ich beim Malen in mir spüre und was meist das Ergebnis eines wochenlangen Gedankenprozesses ist, und dem Bild, das da entsteht, jedesmal wieder faszinierend. Da wird etwas materialisiert, was vorher seelisch-geistig, also immateriell war.

Vielleicht möchten Sie zum Abschluß meiner Ausführungen noch etwas ganz Konkretes zu einigen Bildern hören. Ich biete Ihnen keine Bildbetrachtungen, sondern überlasse es Ihnen, sich in die einzelnen Bilder hineinzudenken und -zufühlen. Denn mein Motto "Der Seele in uns Raum gewähren" bedeutet, zum Bildbetrachter gesprochen, daß jeder beim Anblick eines Bildes, das ihn anspricht, sich auf die freien Assoziationen, die in seinem Denken und Fühlen auftauchen, einläßt, und dabei selbst Erlebtes, Gefühltes  oder zu Hinterfragendes zur eigenen Bildwirklichkeit werden läßt. So wird der Bildbetrachter selbst kreativ und gibt seinem Denken und Fühlen neuen Raum.

Wenn Antoine de Saint-Exupery sagt

"Die entscheidende Nahrung empfängt er (der Mensch) nicht von den Dingen, sondern von dem Knoten, der die Dinge verknüpft"

so könnten meine Bilder stumme Impulse sein, auf den Knoten aufmerksam zu machen, der die Realitäten unseres Alltags mit dem Inneren unseres Seins verknüpft.

Vielleicht darf ich Ihnen zum Abschluß doch noch einen kurzen Hinweis zu einem meiner Bilder geben, das sozusagen prototypisch für meine Arbeiten steht: "Der angebundene Traum". Was konnten Sie bisher in Ihrem Leben nicht besiegen, nicht zum Schweigen bringen? Ist es nicht die Sehnsucht nach Liebe, nach Glücklichsein, die Sehnsucht nach dem Paradies? Diese Sehnsucht ist ein angebundener Traum in unserer Seele, über den wir keine Macht haben. Wer hat ihn angebunden und wozu? Versuchen Sie einmal selbst die Antwort zu finden, und wenn es auch Jahre dauert.

Ich danke Ihnen.