Dr. Hans-Jörg Clement, Berlin

Leiter Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. und von 2006 - 2012 Mitglied der Ankaufskommission der Sammlung zeitgenössischer Werke der Bundesrepublik Deutschland

Rede zur Vernissage der Ausstellung von Lissy Theissen, „Lebensräume“, im „Wall-Tower“, Berlin, 21.03.2003

Ich bedanke mich sehr herzlich für die Einladung, die heutige Ausstellung mit Arbeiten von Lissy Theissen zu eröffnen. Ich bin dieser Einladung sehr gerne nachgekommen, weil ich glaube, dass sich in diesem Zusammenspiel von Kunst und Wirtschaft im Hause Wall das verbindet, was die Stadt braucht: Ein klares Bekenntnis zur gesellschaftspolitischen Funktion von künstlerischer Arbeit und die Dokumentation, dass Engagement für Kunst bürgergesellschaftliches Engagement ist. Anerkennung ist also der Künstlerin zu zollen und dem Hausherrn.

Wenn ich Ausstellungen in meiner Funktion als Leiter der Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung kuratiere, vermeide ich es in den Eröffnungen zumeist, zu viele inhaltliche Hinweise auf das Oeuvre des Künstlers zu geben und konzentriere mich auf die erarbeitete Ausstellungskonzeption. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass das Kunstwerk vor allem für sich sprechen muss und dass sich das Reden über das Kunstwerk eigentlich verbietet: Der Künstler wählt seine persönliche Ausdrucksform, die eben nicht die Sprache ist  - wäre es anders, würde er uns von dem, was er ausdrücken will erzählen.

Gleichwohl ist es hilfreich, einen Leitfaden auszuwerfen, zumal die Annäherung an Kunst durchaus auch das Verständnis eines bestimmten Vokabulars, einer ganz speziellen Sprache - nämlich der künstlerischen - voraussetzt. Heute kann ich mich der Ausstellung, die von Lissy Theissen selbst zusammengestellt wurde, ganz unbefangen nähern - und das empfinde ich als sehr komfortabel.

Zwei Dinge möchte ich heraus heben:

Der Blick auf die Arbeiten von Lissy Theissen offenbart eine besondere Leidenschaft für Farbe, vielleicht sogar mehr noch für Licht oder: die Farben des Lichts oder: das Licht der Farben - es müssen nicht unbedingt und immer leuchtende und helle Spektren sein, auch Erd- und Grautöne dominieren mitunter in den Serien. Welche Paletten auch gewählt werden: die Künstlerin glaubt an die ästhetische Dimension von Farbe als Transportmittel inhaltlicher Themen. Während die Wahl technischer oder formaler Mittel variiert, bleibt es bei diesem Grundvertrauen in die Farbe; vor dem Hintergrund des allerorts vermerkten Comebacks von Malerei scheint mir dies nicht zufällig. Zweifellos ist es auch die Farbe, die einen besonders unmittelbaren Zugang zu einem künstlerischen Werk erlaubt. Da es erklärtes Ziel von Lissy Theissen ist, das emotionale Erleben oder die Seele - Frau Theissen ist studierte Theologin – des Menschen/die Seele des Betrachters anzusprechen, bedient sie sich diesem Mittel ganz selbstverständlich. Farbe und Licht schließlich werden ergänzt durch ein gleichsam akustisches Moment: den Klang; eine Trias mit kosmischer Potenz.

Die theologische Ausbildung und der genauere Blick auf die Biographie führen mich zum zweiten Punkt - und daher möchte ich ganz kurz auf ein paar biographische Stationen und Eckpunkte summarisch verweisen:

-1950 in Bonn geboren als Kind eines Malers und Bildhauers

- Studium der Germanistik, Biologie und der katholischen Theologie

- Aufenthalte und Leben in Bonn, Viersen, Mönchengladbach

- Seit 1974 verheiratet, Mutter zweier Kinder

- Seit 1987 in Frankfurt

- Frühe Prägung durch den Vater und den Onkel (Mitinhaber eines Auktionshauses)

- Intensive theoretische Befassung mit zeitgenössischer Kunst, Künstlerbekanntschaften

- Seit 1985 dann erste Umsetzung eigener Ideen

- Autodidaktische Weiterbildung mit religiösen, psychologischen und naturwissenschaftlichen Schwerpunkten in Trier, aber auch in Spanien

- Gründung einer Künstlerinnengruppe

- Mitgliedschaft in der spanischen Sociedad Ateneu und einem Künstlerkreis in Kelkheim/Taunus

- Nationale und internationale Ausstellungen und Kooperationen

 

Lissy Theissen stammt also aus einem Künstlerhaus - ihr Vater ist der Bildhauer und Maler Jean Küppers - und auch ihre autodidaktische künstlerische Entwicklung ist von der Begegnung mit Künstlern wie Joseph Beuys und Günther Uecker geprägt. Die Frage, welche Funktion Kunst in der Gesellschaft ausüben kann, spielt ganz offenbar eine maßgebliche Rolle. Für mich scheint Lissy Theissen einen Künstlertypus zu vertreten, der einerseits der gängigen Vorstellung von einem Künstler entspricht, andererseits aber - schaut man auf die junge zeitgenössische Kunst – beinahe antiquiert (zumindest anachronistisch) scheint; schaut man aber noch einmal - und analytischer -, mag dieses Selbstverständnis vielleicht gerade das tatsächlich moderne und der gegenwärtigen Lage einzig angemessene Selbstverständnis zu sein.

Es geht hier um einen Künstlertypus, der sich einem Ideal verbunden, sich vielleicht sogar einer Vision verpflichtet fühlt, dessen Arbeit in jedem Falle an ein spezifisches Werteverständnis geknüpft ist. Im Zentrum steht eine humane Disposition und die ganz spezifische sinnstiftende Funktion von Kunst für die Gesellschaft - die Ästhetik beugt sich dieser Priorität und rückt unterstützend in den Hintergrund. Tatsächlich ist die Avantgarde des 20 Jahrhunderts von dieser Herangehensweise geprägt und knüpft ihrerseits an das Selbstverständnis der Romantik und des Idealismus an. Charakterisiert ist dieser Ansatz von der Vorstellung, Kunst und Realität, Kunst und "unser" Leben miteinander zu verknüpfen, zumindest miteinander in Verbindung zu setzen.

Lissy Theissen - dies ist ganz deutlich - fühlt sich dem verbunden und die spirituelle Potenz der hier gezeigten Bilder belegt dies. Was wir hier am heutigen Abend und in den kommenden Wochen sehen, ist ein dezidierter Gegenentwurf - und wiederum scheint es mir kein Zufall, dass das von mir skizzierte künstlerische Selbstverständnis eines ist, das sich immer dann besonders augenscheinlich dokumentierte, wenn die Menschen dachten, sie befänden sich in einer Endzeit oder einer Zeit der dramatischen Umbrüche. So weit möchte ich heute sicher nicht gehen, aber zweifellos bedrückt uns alle die aktuelle gesellschaftspolitische und weltpolitische Situation und insofern ist der Schwerpunkt der heutigen Ausstellung unter dem Titel "carpe diem" nicht nur ein appellativer und tröstlicher, sondern ein in der Tat avantgardistischer.

Die Besinnung auf geistige Werte - und diese will uns Lissy Theissen vermitteln - ist ein Spezifikum der Romantik - und damit paradoxerweise ein zutiefst modernes - ein Gedanke der Not tut. Es war Novalis, der gesagt hat: "Wo keine Götter sind, walten Gespenster". Lissy Theissen will die Gespenster vertreiben - und das sollten wir alle als sehr wohltuend empfinden. In diesem Sinne beansprucht die Dynamik aus Licht und Farbe in den Bildern von Lissy Theissen beinahe etwas sakrales oder die Kraft einer modernen Ikone, die das schaffen, was im Titel der Ausstellung beschrieben ist: Lebensräume.

Genießen Sie also die Ausstellung und lassen sich von der Farbwelt der Künstlerin im eigentlichen Sinne des Wortes inspirieren - vom Widerspruch aus der Leichtigkeit des Spielerischen und der Ernsthaftigkeit der geistigen Durchdringung. Wassily Kandinsky - und wieder haben wir die Avantgarde - hat in seiner Entscheidung für die abstrakte Malerei gesagt: "Der reine Klang tritt in den Vordergrund. Die Seele kommt zu einer gegenstandslosen Vibration, die komplizierter, ,übersinnlicher' ist." Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Klänge heute hören und spüren - und der Ausstellung in diesem Sinne beste Resonanz.