Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Ruzicka, München

Rede Lissy Theissen zur Ausstellung „Flügel der Unendlichkeit“

„Das meiste haben wir gewöhnlich in der Zeit getan, in der wir meinen, nichts getan zu haben.“

Mit diesem Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach begrüße ich Sie ganz herzlich zu einem Ausflug in die Kunst. Ich darf mich glücklich schätzen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Diesmal nutze ich die Gelegenheit, Ihnen selbst ein paar Gedanken nahezubringen über das, was mich drängt, künstlerisch tätig zu werden, was ich dann an einzelnen Werken konkretisieren möchte. Die Daten zu meiner Vita können Sie ja dem Flyer entnehmen.

„Flügel der Unendlichkeit“ – so der Titel dieser Ausstellung, zugegeben sehr gewagt. Wie will man Unendlichkeit auf einer Ausstellung einfangen? Anmaßend?

Gestatten Sie mir eine kleine Reise in die Unendlichkeit mit Ihnen.

Kahlil Gibran, ein libanesischer Schriftsteller hilft uns dabei in seinem Buch „Der Prophet“, wenn er z.B. schreibt: „Ihr sollt eure Flügel nicht zusammenfalten, um durch Türen gelangen zu können, noch den Kopf beugen, damit er nicht gegen eine Decke stoße, noch nicht zu atmen wagen aus Furcht,  Wände zu sprengen und zum Einsturz zu bringen. … Und wenn auch herrlich und prachtvoll, darf euer Haus nicht der Hüter eures Geheimnisses noch das Obdach eurer Sehnsucht sein. Denn was in euch grenzenlos ist, wohnt im Palast des Himmels, dessen Tür der Morgendunst ist und dessen Fenster die Lieder und die Stille der Nacht.“

„Das was in Euch grenzenlos ist“ – da sind wir beim Thema. Oder wie Martin Luther King es ausdrückt: „Der Mensch neigt dazu, in den Niederungen zu leben, doch etwas erinnert ihn daran, dass er nicht dafür bestimmt ist. Er steht im Staub, doch etwas erinnert ihn daran, dass er für die Sterne geschaffen ist.“

Das was in uns grenzenlos ist, unendlich ist, z.B. unsere Sehnsucht nach dem, was unseren Alltag übersteigt, unsere unendliche Sehnsucht nach wirklichem Glücklichsein, das spürt man oft, wenn man unterwegs, auf Reisen ist oder wenn man plötzlich Zeit hat, ganz still wird und alleine ist.

Nachdem mein Vater verstorben war, ich vor seiner Staffelei stand, an der er zeitlebens gemalt hatte, mit dem Geruch der Ölfarben aus Kindheitstagen in der Nase, packte mich das Verlangen, jetzt auch mit Ölfarben zu malen, aber anders als er, nicht konkret, sondern abstrakt bis gegenstandslos, nur mit der Seele, vorwiegend mit gefühlten Farben das auszudrücken, was ich erlebte. Als ich vor vielen Jahren eine Ausstellung im Frankfurter Palmengarten hatte und eine junge Pariserin mir offensichtlich durch meine Bilder angerührt sagte, meine Bilder seien für sie wie ein Tagebuch, in dem man lesen könne und das Dargestellte könne sie gut nachempfinden, nahm ich mir zwar vor mein Seelenleben etwas mehr zu verschlüsseln, fühlte mich aber auch bestärkt darin, „Erlebnislandschaften“ – wie ich meine Bilder nannte und nenne – weiter zu malen. Inzwischen, nach über 15jähriger Präsenz meiner Homepage im Internet, taucht dieser Begriff, den es damals noch nicht gab, zunehmend in der Kunstszene auf.

Beuys und Uecker, die ich während meiner Mönchengladbacher Jahre im damals neuen Museum für Moderne Kunst kennen- und schätzen lernen durfte, sie haben mich dann in größere Denk- und Kunsträume eingeführt. So nahm ich mir vor, in der Kunstszene das darzustellen, was hinter den Dingen ist, was die Realität überschreitet, das Transzendente, wie wir es nennen. Schon Platon mit seinen werkimmanenten Appellen, das die Realität Übersteigende, das Transzendente ins Auge zu fassen, faszinierte mich immer schon. Die sichtbaren Dinge in dieser Welt, mahnt der alte Platon, können nicht alles sein, das Letzte steht noch aus.

Ein großes Thema meiner künstlerischen Arbeit ist daher, das Staunen vor der gesamten Schöpfung beim Betrachter wachzurufen und ihn an die Kostbarkeit unseres Lebens zu erinnern. Zeugen dieser Gedanken sind hier in der Ausstellung u.a. die Bilder „Das Credo der Sterne“, „Zum Himmel wachsen“, „Anthropomorphes Instrument“, „Tanz zur Sarangi“, „Sounds of Africa – Grazie“, „Schöpfungshymnus“ sowie die „Denkbox: Menschliches Genom“.

Visionen, große Träume, dafür sind wir Menschen auch geschaffen. Nicht mit Hybris, sondern mit Blick auf das Ganze voller Respekt und Ehrfurcht. Träume und Tagträume, erwachte Träume, prophetische Träume, das alles drängt auf Umsetzung.  Wir dürfen Leben gestalten, uns ganz einbringen da, wo auch immer wir diese Träume in uns spüren. „Der angebundene Traum“ war eines meiner ersten Werke. Das Thema „Traum“ durchzieht mein gesamtes Werk. In dieser Ausstellung finden sie dazu das Werk „Der Träumer“. Im unteren Drittel des Bildes vollzieht sich der Traum im Ultramarinblau, der Farbe der Meere, auf die das Sonnenlicht diesmal zart wie Puder in die Tiefe fällt. Dieser Traum ist gewaltig, so wie der Urtraum unserer Evolution, die im Wasser begann. Der Träumer ist ganz bei sich, gibt sich ganz der Unendlichkeit von Himmel und Erde hin. Eine neue Herausforderung? Eine neue Lebensperspektive? Was immer sein Traumthema ist, der Gestalt gewordene Traum steigt auf der linken Bildseite wie ein in die Luft geworfenes Spruchbanner bis zur Sonne empor.

Anregungen für mein Schaffen sind neben dem Studium literarischer, philosophischer und theologischer Lektüre, klassische Musik und persönliche Erlebnisse, wie z.B. Reisen. Von der letzten langen Reise nach China bis in die weite tibetische Hochebene habe ich Ihnen hier die Bilder „Der Gesang der großen Weite“ sowie die Bilder „Wo Gebetsfahnen blühen“ mitgebracht, in denen ich versucht habe, die Seele dieser wunderschönen Landschaft einzufangen und dies mit den Ölfarben Gelber Ocker, Brilliant Orange, Lasurrotbraun, Krappdunkel, Grüne Erde, Saftgrün, Coelinblau, Kaltgrau und Warmgrau. Natürlich ist auch das Gold der buddhistischen Tempel in die Bilder eingeflossen.

Die Ölbilder „Wo Gebetsfahnen blühen“ – der Beginn einer größeren Serie – gehören zum tibetischen Hochland, denn dort umspannen tausende  Gebetsfahnen die Weite und künden vom Glauben dieser Menschen.

„Der Seele in uns Raum gewähren“, das ist das Motto, das wie ein roter Faden mein gesamtes Werk durchzieht. So entstehen Bilder, wo ich durch die Farbauswahl und die Gestaltungslinien seelische Erlebnislandschaften schaffe. Der Titel der Bilder kann dabei wie ein Schlüssel zu dem Erlebnisraum dienen und den Betrachter, bei dem eine seelische Affinität zu dem Dargestellten ins Schwingen gerät und der sich darauf einlassen kann und will, erreichen.

Besondere Bilder, die mein Œuvre durchziehen, sind auch die, auf denen ich zum Thema Schöpfung ein Stück Leinwand und Papiere auf der gespannten Leinwand gestalte. Warum gerade Leinwand auf Leinwand? Ich möchte das Medium Leinwand zu einer neuen Reflektionsebene werden lassen. Alles was auf Leinwand gemalt und dargestellt wird, ist nur möglich, weil ein Netzwerk es trägt. Netzwerk ist Folie zur Darstellung. Die Darstellung ist nur möglich, weil ein Netzwerk sich zur Verfügung stellt. So betrachtet wird die Leinwand zum Abbild unseres gesamten Lebens, denn niemand kommt allein durchs Leben. Wir sind ein Teil des großen Ganzen, atmen alle die gleiche Luft und müssen auch unser Können und unseren Beitrag in dem Zeitfenster unseres Lebens leisten.

Das Bild „Das Geheimnis des Lebens berühren“ wurzelt in Gesprächen und Lektüren über spirituelle Erfahrungen in Krankheit und Leid. Sie sehen links das vibrierende Kaltgrau und Anthrazit von Öl- und Acrylfarbe. Frech breitet sich das Grau aus. Wenn Dunkel und Leid uns einnehmen, zieht es wie einen grauen Schleier einen dunklen Vorhang über alles, was gestern noch schön war. Solche Zeiten, die keiner von uns freiwillig auswählen würde, können dann aber Schätze an Erlebnissen und Erkenntnissen bergen, die in luftig-leichten Zeiten nur schwer zu gewinnen sind.

Oder ein anderes Bild, das auch von der Erfahrung des Dunklen zu berichten weiß, in dem aber dann das aufbrechende Licht mit aller Dynamik der Farbe ausbricht, ist das Bild „Der erwachte Traum“. Eine lange Durststrecke, eine Erlebniswüste liegt hinter uns und dann endlich reißt der innere Frühling auf. Da haben wir lange darauf zugelebt und dann sind wir plötzlich im 7. Himmel, wir schweben.

Und nun bin ich bei den Bildern, die auch den Ausstellungstitel tragen, den „Flügeln der Unendlichkeit“.  Wir haben die Flügel für die Unendlichkeit, wir sind kein Ikarus, nein wir fliegen und begreifen, dass unser Traum vom Leben richtig ist, der in uns schlummert. Unser Gefieder ist silbrig und golden, zum Teil auch bunt, denn wir sind ein Teil des Ganzen und erleben die Unendlichkeit. Das Abenteuer unserer Lebensreise vollzieht sich und wir sind mittendrin. In diese Bilder sind die unendlichen Weiten von China ebenso eingeflossen wie die Weiten Kanadas, Floridas und Südafrikas. Das Erleben einer Landschaft ist flüchtig, aber auch nachhaltig wie Papier, das in unserer Erinnerung haftet, in aller Farbigkeit und Intensität, aber dennoch, wie unser gesamtes Erleben, nicht in Stein gemeißelt. Wie Filmstreifen mit Gefühlen und Erlebnissen vermitteln sie uns Reisenden das Empfinden, geistige Schätze gewonnen zu haben, die uns so schnell niemand mehr nimmt. 

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und lade Sie ein, nun nach dem Einblick in meine Ateliergedanken mit den Bildern noch etwas weiter zu reisen.